Testbericht: Kindle Oasis

Derzeit in aller Munde ist der neue Kindle Oasis von Amazon, der aufgrund seines hohen Preises sehr kontrovers diskutiert wird. Amazon hat mir ein Testgerät gestellt und ich möchte in diesem Artikel einmal meine Erfahrungen aus anderthalb Wochen Nutzung aufschreiben.

Kindle Oasis in der linken Hand gehalten

Kindle Oasis in der linken Hand gehalten

Design

Nach dem Auspacken und dem ersten Mal in der Hand gehalten, wirkt der Oasis sehr hochwertig. Dazu trägt mit Sicherheit die Lederhülle bei. Bei meinem Testgerät ist es die Braune, die aus leicht angerautem Leder besteht. Der Oasis erinnert an eine zugeklappte Audio-CD, wenngleich er mit 12,5 x 14,5 cm etwas größer ist. Die Hülle ragt seitlich etwas über das Gerät hinaus und lässt sich dadurch leicht aufklappen. Gehalten wird die Hülle per Magnet am eReader.

Hülle vom Kindle Oasis getrennt

Hülle vom Kindle Oasis getrennt

Powerknopf und Micro-USB-Anschluss sind an die Oberseite des Gerätes gewandert. Amazon hat sich vom Einschalter auf der Rückseite, wie ihn der Voyage hat, verabschiedet. Da die Hülle den Reader ein- und ausschaltet, ist das ohnehin kein Thema. Auch beim Micro-USB-Anschluss ist es jetzt wieder klarer, in welche Richtung der Stecker gedreht werden muss, damit er in die Buchse passt.

Kindle Oasis: Powerknopf und Micro-USB-Anschluss an der Oberseite

Powerknopf und Micro-USB-Anschluss an der Oberseite

Das Kabel sitzt sehr fest und sicher in der Buchse. Wer es herauszieht, sollte das Gerät festhalten und nicht die Hülle, da es leicht passiert, statt des Kabels das Gerät von der Hülle zu ziehen. Und nach Murphys Gesetz löst sich in diesem Moment auch meistens das Kabel aus der Buchse. Aber der Oasis soll ja relativ bruchsicher verarbeitet sein. Das habe ich allerdings nicht ausprobiert. ;)

Kindle Paperwhite im Angebot
Blättertasten

Blättertasten

Ein großes Feature, vielleicht sogar DAS Feature, das Amazon mit dem Oasis wieder einführt, sind die seitlichen Blättertasten. Die aus dem Gehäuse herausstehenden Plastiktasten lassen sich auch Dunklen einwandfrei ertasten und geben eine haptische Rückmeldung. Die obere Taste blättert standardmäßig weiter, während die untere zurückblättert. Das ist sehr angenehm, denn die obere Taste liegt so, dass ich sie mit der Daumenspitze erreiche. Soll es doch mal eine Seite zurück gehen, dann kann ich dies mit dem unteren Teil des Daumens machen. Wers lieber andersherum mag, kann die Blätterrichtung umkehren. Dazu gibts eine Einstellung, bei der Amazon sich allerdings einen peinlichen Fauxpas leistet:

Forwärts!

Forwärts!

Praktisch ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Seite, auf der sich die Tasten befinden, so breit ist, dass der Daumen nicht störend ins Display rein hängt. Als Linkshänder lässt sich ebenso gut lesen, denn beim Drehen des Gerätes um 180° wird die Ausrichtung der Seite und die Belegung der Tasten automatisch geändert. Auch Querfomatleser kommen auf ihre Kosten, mit dem Zusatz, dass sich die Blättertasten dann unterhalb des Bildschirms befinden. Allerdings muss das Querformat explizit eingestellt werden.

Bildschirm

Trotz der im Vorfeld zur Vorstellung des Oasis laut gewordenen Spekulationen, Amazon bringt wieder ein Gerät mit größerem Bildschirm heraus, ist auch im Oasis wieder ein Bildschirm mit 6“-Diagonale eingebaut. Wie die die Bildschirme von Paperwhite und Voyage löst auch dieser mit 300 ppi auf. Das bedeutet scharfe Schrift und treppenlose kleine Schriftgrößen. Die Beleuchtung des Oasis lässt sich noch einen Ticken heller einstellen, als bei seinen preiswerteren Geschwistern.

Der Schwarzwert der Schrift ist beim Oasis im beleuchteten Zustand sogar noch unterhalb des Paperwhites angesiedelt, im visuellen Vergleich scheint dies der Paperwhite durch seine etwas gelblichere Beleuchtung nicht zu bestätigen. Dann wirkt dessen Schriftbild etwas blasser als das des Oasis. Merkwürdig.

Bezüglich der Beleuchtung habe ich ein Dejavu. Denn Amazon vermarktet die beleuchteten Geräte seit jeher als das Nonplusultra, die Geräte erfüllten den selbstgesteckten Anspruch aber noch nie perfekt. So auch beim Oasis. Auch wenn die Beleuchtung die Hellste und weißeste aller Leuchtkindles ist, so hat auch der Oasis einen sichtbaren Helligkeitsverlauf von links nach rechts. Und die typischen Lichtgitter oberhalb der LEDs (hier eben an der Seite mit den Blättertasten) sind auch zu sehen. Nicht stark zwar, aber eben sichtbar, wenn man sich drauf konzentriert. Bei meinem Testgerät habe ich beides während des Lesens nicht störend wahrgenommen, allerdings sind die Foren voll von Displays, bei denen beides zu stark ausgeprägt ist.

Akkulaufzeit

Der Oasis nimmt für sich in Anspruch, das dünnste Gerät und mit 131 g leichteste Gerät zu sein. Das ist in der Tat so, denn ein Großteil des Gerätes unter dem Bildschirm ist nur 4 mm dick. Die gesamte Elektronik ist in der breiteren Seite untergebracht, die gleichzeitig als Haltegriff dient. Damit das Gerät schön leicht bleibt, muss dort auch ein kleiner Akku rein, den ich gerne als Zusatzakku bezeichne. Der Hauptakku ist beim Oasis definitiv in der Hülle untergebracht.

Amazon gibt an, dass der kleine Akku des Gerätes für 2 Wochen halten soll, aber nur wenn der Flugmodus ein- und der Bildschirm ausgeschaltet ist und man nicht mehr als 30 min am Stück liest. Diese Einstellungen halte ich für praxisfern, denn mal ehrlich, wer denkt schon dran, jedes Mal den Flugmodus zu aktivieren und das Licht auszumachen? Zumal Amazon seit Einführung der Beleuchtung bei den Paperwhites immer kommuniziert hat, dass sie weniger zum Stromverbrauch beiträgt, als gedacht. Bis heute lässt sich die Beleuchtung der beiden anderen beleuchteten Kindles nicht komplett abschalten, sondern nur herabdimmen.

Demzufolge habe ich auch die Lesezeit ermittelt, indem ich bei meinem ersten Akkutest den Flugmodus ausgeschaltet hatte (also WLAN/3G an). Den Bildschirm habe ich in der ersten Hälfte des Tests aus- und in der zweiten Hälfte mit maximaler Helligkeit eingeschaltet. Das Ergebnis fällt entsprechend enttäuschend aus, denn bereits nach 114 min Lesezeit hat sich der Oasis abgeschaltet. Bei einem Akkustand von ca. 10 % meldete sich das Gerät das erste Mal, dass es aufgeladen werden will. Nach zwei, drei weiteren Meldungen und acht Minuten war der Oasis am Ende – Akku leer.

Nach dem direkten Koppeln mit der Hülle benötigte der Reader dann einige Minuten, um sich wieder einzuschalten und den Akku aufzuladen. Ein mehr oder weniger schnelles Weiterlesen ist also nicht möglich. Durch die Wartezeit wird man komplett aus der Geschichte geworfen. Und wenn der Oasis dann wieder soweit ist, stimmt der Lesefortschritt nicht, denn das Gerät speichert ihn auch bei der ersten Akkuwarnung nicht. Bei meinem Lesetempo betrug der Unterschied zwischen der zuletzt gelesenen Seite beim Abschalten des Akkus und der Seite, mit der der Oasis gestartet ist, rund 50 Normseiten.

Mit eingeschaltetem Flugmodus und Licht auf Stufe 17 (von 24) hält der Akku allerdings immerhin rund sechs Stunden. Der größte Stromfresser scheint also die WLAN/3G-Verbindung zu sein.

Die geringe Kapazität des kleinen Akkus wäre jetzt nicht so tragisch, wenn man jederzeit nachschauen könne, wieviel Laufzeit noch bleibt. Der Oasis zeigt dies aus schön nach internem und externem Akku getrennt an, aber nur solange die Hülle gekoppelt ist. Ohne Hülle gibts nur die sehr ungenaue Batterieanzeige in der Kopfzeile der Oberfläche, die keine Hilfe ist.

Insgesamt finde ich das Lesen ohne Hülle ziemlich unbefriedigend, da ich mich einerseits drum kümmern muss, die Akkufresser auszuschalten, und mich dennoch nicht drauf verlassen kann, dass der Akku so lange hält, wie ich eben lesen möchte. Dann hilft es auch nicht, dass der Oasis ohne Hülle sehr leicht ist und einen Wulst hat, mit dem er sich sicher halten lässt.

Möglich, dass ein Oasis ohne 3G-Modul länger durchhält, bei Geräten mit 3G-Modul lässt sich dieses nicht unabhängig vom WLAN abschalten.

Zusammenfassung

Das könnte für den Amazon Kindle Oasis sprechen

  • Sehr hohe Auflösung
  • Seitliche Blättertasten
  • Beleuchtung komplett abschaltbar
  • Wörterbücher enthalten
  • Gerät kann gegen fremden Zugriff gesperrt werden
  • Funktioniert auch im ZipLock-Beutel
  • Gibts auch mit Mobilfunkkarte, um unterwegs eBooks zu kaufen, auch wenn kein WLAN zur Verfügung steht

Das könnte gegen den Amazon Kindle Oasis sprechen

  • Beleuchtung nicht per Taste ausschaltbar
  • eBooks im EPUB-Format können ohne Hilfsmittel nicht dargestellt werden
  • Keine Unterstützung der eBooks aus der Onleihe
  • Hoher Preis

Preise

Fazit

Amazon kehrt mit dem Oasis gewissermaßen zu den Wurzeln der ersten eReader zurück, denn damals ließen sich die Geräte per Tasten bedienen, lieferten ihre Hülle gleich mit und waren zu ähnlich hohen Preisen zu haben. Und auch designtechnisch ist die Aufteilung mit den seitlichen Blättertasten und dem breiteren Rand nicht neu, bereits der PocketBook 360 von 2009 bot dies und auch der Inkpad aus gleichem Hause bietet schon länger ein Gerät mit diesem Design an.

Amazon gelingt die Neuinterpretation recht gut, wenngleich ich die Aufspaltung der Akkus zugunsten eines leichten und dünnen Gerätes eher für einen Gag halte, denn so wirklich praxisnah erscheint mir die Teilung nicht. Ich habe beim Lesen ohnehin überwiegend mit angekoppelter Hülle gelesen, einfach weil ich zu faul war, die Stomsparfunktionen ein- und auszuschalten. Ich finde, hier muss das Gerät den Nutzer unterstützen und nicht der Nutzer dafür sorgen, dass das Gerät auf Sparflamme läuft. Es spräche nix dagegen, die WLAN/3G-Verbindung beim Abkoppeln vom Akku automatisch abzuschalten und nur nach Rückfrage temporär zu aktivieren. Mir kommt es bei einem eReader auch weniger aufs Gewicht an, denn alle aktuellen Geräte sind leichter als ein durchschnittliches Taschenbuch.

Ich halte den Oasis prinzipiell für ein sehr gutes Gerät, einzig der Preis erscheint mir für die geringen Unterschiede zu den preiswerteren Alternativen zu hoch. Für den Preis meines Testgerätes mit 3G (rund 350 €) bekommt man auch 2 Paperwhites mit Originalhüllen. Hundert Euro weniger und der Oasis wäre meiner. Wer sich zwischen Oasis und Voyage entscheiden möchte, kann sich auch mal diesen Vergleich dazu durchlesen.

Wem aber der hohe Preis nichts ausmacht, bekommt mit dem Oasis ein schönes Stück Technik und den derzeit einzigen Reader mit 300 ppi und seitlichen Blättertasten.

Datenblatt anschauen


Alternativen zum Amazon Kindle Oasis


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Michael SonntagMichael Sonntag beschäftigt sich mit allem, was mit dem Lesen ohne Papier als Trägermaterial zu tun hat. Also mit eBook-Readern, Tablets und dem ganzen Drumherum.
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