Warum ist das Konzept des tolinos so unausgereift?

  • - Aktualsiert am
  • von Michael Sonntag




Ich muss mal einen Rant loswerden. Vor rund zwei Monaten haben die fünf großen deutschen Buchhändler (sic!) mit dem tolino shine einen eReader herausgebracht, der offensichtlich Amazon als Hauptkonkurrenten das Wasser abgraben soll. Anders kann ich mir das ähnliche Konzept mit der Cloud und dem ähnlichen Reader (mit Beleuchtung) nicht erklären.

testbericht-tolinoNur erscheint mir das ganze Konzept einfach nur zusammengewürfelt von Leuten, die offensichtlich keine Ahnung haben, was der eReader benutzende Kunde wirklich will! Ich maße mir jetzt einfach mal an, das zu wissen, da ich mich jetzt schon länger mit dieser Materie auseinandersetze und neben dem Testen verschiedener Geräte und deren Konzepten natürlich auch Nutzer in allen eBookwelten bin.

Warum schafft es das tolino-Konsortium beispielsweise nicht, angekündigte Funktionen innerhalb des zugesagten Zeitraums nachzuliefern? Heute ist der erste Mai und der tolino hat noch immer keine Wörterbücher, kann keinen Text markieren und nicht mit internen Links umgehen. Dabei werden diese Funktionen bereits seit Anfang an beworben (und für “in Kürze” versprochen). Wahrscheinlich meint “in Kürze” einfach nur irgendwann vielleicht eventuell? Warum ist es nicht möglich, mit Geräten verschiedener Buchläden auf dieselbe – angeblich gleiche – “Telekomcloud” zuzugreifen? Warum können eBooks nicht zurückgegeben werden? Warum ist das Kaufen von eBooks über das Gerät so umständlich, dass vor jedem Kauf nochmal das Passwort eingegeben werden muss? Wehe dem, der ein sicheres Passwort (wie z.B. “hs§487aH>jdasad456dhf!” verwendet! Warum muss ich mich als Leser überhaupt um das ganze DRM-Geraffel kümmern, mir selber eine Adobe-ID besorgen und mich mit Adobe umständlich in Verbindung setzen, wenn eine Geräteauthorisierung durch das bloße Zurücksetzen des Gerätes verloren geht?

Das sind alles Dinge, um die ich mich als Kunde nicht kümmern möchte. Ich will lesen und mein eBookshop soll es mir so bequem wie möglich machen, an meinen Lesestoff heranzukommen!

Und genau das macht Amazon. Ich kann mich drauf verlassen, dass die Geräte all das haben, was man von einem modernen eReader erwarten kann (wenn man mal von der Silbentrennung absieht). Ich kann eBooks mit nur einem Klick kaufen und auch zurückgeben, falls ich mich mal vertan habe. Ich kann sogar das Gerät selbst sperren oder auch nur Teile davon. Ich brauche mich nicht drum zu kümmern, ob das eBook jetzt einen Kopierschutz hat oder nicht. Amazon macht es mir ganz einfach.

Natürlich zu dem Preis, dass Amazon ein eigenes eBookformat hat und genau weiß, welches meine Vorlieben sind. Aber ist das nicht auch kundenfreundlich, wenn mir mein Buchladen Dinge empfiehlt, die mir gefallen könnten? Auch wenn es in der Praxis nicht so recht funktionieren mag. ;)

Vielleicht liegt es an den unterschiedlichen Mentalitäten? Amazon ist ein amerikanisches Unternehmen und ist daher vielleicht von Haus aus mehr auf Kundenfreundlichkeit ausgelegt? Ich habe vor vielen Jahren mal eine Dokumentation über ein Versandhaus in den USA gesehen, die generell alle Artikel zurückgenommen haben, die Kunden zurückgeben wollten. Egal, ob sie es verkauft haben oder nicht oder wie alt es war. Sie meinten damals, die drei oder fünf Prozent der Kunden, die das missbrauchen, lassen sich spielend durch die gute Mundpropaganda auffangen, die das Unternehmen mit diesem Service bietet. Diesen servicefreundlichen Eindruck habe ich bei deutschen Unternehmen nicht immer. Sicher, es mag hie und da Ausnahmen geben, aber wäre Amazon nicht so unkompliziert, hätte es mit Sicherheit nicht die Stellung inne, die es hat.

Was mir an der ganzen tolinogeschichte im Nachhinein merkwürdig vorkommt ist, dass die allseits bekannte Dokumentation über die angeblich so schlechten Arbeitsbedingungen bei Amazon just zwei Wochen vor der Vorstellung des tolinos gesendet wurde. Ein Schelm, wer böses dabei denkt…






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Michael SonntagMichael Sonntag beschäftigt sich mit allem, was mit dem Lesen ohne Papier als Trägermaterial zu tun hat. Also mit eBook-Readern, Tablets und dem ganzen Drumherum.
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2 Kommentare

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  1. GeorgF sagt:

    Zustimmung! Ich habe den Hype um den tolino auch nicht so recht verstanden.
    Allianz hin oder her- außer dem günstigen Preis und breiter Verfügbarkeit hat der tolino wirklich keine Alleinstelltungsmerkmale.

    Bei so einem Gemeinschaftsprojekt mit ach so großer Freihet und großer Amazonkonkurrenz erwarte ich eine gemeinsame Plattform mit Selfpublishing usw.

    Nein man kann nicht mal den voreingestellten Shop von einem auf den anderen schalten, eine tolle Allianz. Die Arbeitsweise der Cloud habe ich nicht so recht verstanden, aber anscheinend landen die eBooks von Thalia, Weltbild und Co. nicht in der gemeinsamen Cloud, sondern irgendwie einzeln, was mir total sinnlos erscheint.

    Am Ende bleibt nur ein technisch guter Reader mit einer schwachen Software zu einem guten Preis. Vor dem Kauf würde ich zu einem Gang zum Media Markt raten, in manchen kostet der Kobo Glo die gleichen 100€.
    Der tolino shine ist nur ein epub Reader mit HD Bildschirm und Beleuchtung für 100€ zu sein.
    Aber auch kein vollständiger Ausfall wie der Oyo.

    • Michael sagt:

      …in manchen kostet der Kobo Glo die gleichen 100€.

      Beim Kobo gefällt mir die Zwangsregistrierung des Geräts beim Hersteller nicht, ohne die das Gerät nicht funktioniert. Und die fehlerbehafteten Updates von denen man immer wieder liest.

Hoch