eReader mit offenem Android: InkBook Prime und InkBook Classic 2 im Test

Mit dem InkBook Classic 2 und dem Prime bringt der polnische Anbieter Artatech erstmals zwei selbst entwickelte eReader heraus. Beide Geräte basieren auf Android und lassen sich um viele Apps erweitern.

Hinweis: ArtaTech hat mir beide Geräte für ein paar Wochen zum Testen zur Verfügung gestellt.

Gehäuse und Design

Beide Geräte, der Prime und der Classic 2 teilen sich die Gehäuseabmessungen. Beide sind knapp 15 cm lang, 11 cm breit und rund 1 cm dick. Beide haben seitliche Blättertasten, gummierte Rückseiten und auf der Vorderseite unten mittig eine Zusatztaste. Ich würde sie gern als Hometaste bezeichnen, von der Funktion her entsprechen sie aber der „Zurück“-Taste.

An der unteren Kante beider Geräte befindet sich der Micro-USB-Anschluss und der Einschub für die optionale Speicherkarte. Der Hauptschalter beider Geräte befindet sich auf der Rückseite, von wo aus er sehr leicht erreichbar ist.

Soviel zu den äußerlichen Gemeinsamkeiten der beiden Geräte. Während der Classic 2 auf ein graues Gehäuse setzt, in das der Bildschirm einige Millimeter hineingesetzt ist, schließt die Front des in schwarz erhältlichen Prime bündig ab. Daher ist dessen „Home“-Taste auch als Sensortaste ausgeführt, die des Classic 2 als richtige Taste zum Hineindrücken.

Innere Werte

Von den technischen Daten unterscheiden sich die Geräte teilweise sehr stark. Während im Prime ein schneller Vierkernprozessor mit einer Taktrate von 1,6 GHz pro Kern eingebaut ist, steckt im Classic 2 nur ein langsamerer Dualcore-Prozessor mit jeweils 1 GHz. Dennoch sind die Prozessoren beider Geräte flinker, als bei den Mitbewerbern. Das macht sind insbesondere beim Laden großer PDFs bemerkbar oder deren Umwandlung in reinen Text. Oder beim Laden von Apps. Interessanterweise ist der Prime beim Installieren von Apps teilweise um den Faktor 10 schneller als der Classic 2.

Beide Geräte sind mit 512 MB Arbeitsspeicher ausgestattet. Dem Prime wurden allerdings 8 GB internen Speicher spendiert, von dem effektiv nur 5,6 GB nutzbar sind. Erheblich weniger Speicher steht dem Classic 2 zur Verfügung. Von dessen eingebauten 4 GB sind für eBooks und Apps nur noch 1,6 GB nutzbar. Immerhin lassen sich Apps auch auf eine externe Speicherkarte auslagern.

Ein weiterer Unterschied ist die Bluetoothschnittstelle, die nur der Prime mitbringt, beim Classic 2 fehlt sie.

Die Bildschirme

Der größte Unterschied ist aber das verwendete Display. Im Prime steckt ein mit 213 ppi mittelmäßig auflösendes E-Ink-Carta-Display mit eingebauter Beleuchtung. Der Cartabildschirm des Classic 2 hat nicht nur keine Beleuchtung, es ist mit 167 ppi auch geringer aufgelöst.

Dennoch lassen sich die Displays beider Geräte unbeleuchtet einwandfrei ablesen, allerdings ist ein leichtes Ghosting zu sehen. Dieses lässt sich alle verhindern, indem der Seitenrefresh auf einen Wert zwischen einem und 30 Blättervorgängen gestellt wird. Alternativ können die Geräte den Refresh auch zeitgesteuert (30 s bis 180 s) ausführen. Letzteres ist insbesondere dann sinnvoll, wenn Androidapps benutzt werden, die den Bildschirm nicht selber auffrischen können.

Ausleuchtung des Prime

Die Beleuchtung des 213-ppi-Displays im Prime ist sehr gleichmäßig und ausreichend hell. Ein leichter Helligkeitsverlauf fällt nur auf, wenn man explizit danach sucht. Im Lesealltag ist er weniger sichtbar. Genau wie die minimalste Schattenbildung am unteren Bildschirmrand, die nur beim genauen Hinschauen sichtbar ist.

Ausleuchtung des Bildschirms des Prime

Software und Bedienung

Auf beiden Geräten ist eine ähnliche Firmware installiert, sodass sich beide Geräte gleich bedienen lassen. Aufgrund des Funktionsumfangs bietet die Software auf dem Prime ein paar Funktionen mehr.

Startseite

Generell ist die Oberfläche der Gerät sehr aufgeräumt und übersichtlich. Am oberen Bildschirmrand befindet sich eine Leiste, um zur Startseite zu wechseln oder die Einstellungen aufzurufen. Hier wird auch die Zeit angezeigt und das Licht kann ein- oder ausgeschaltet bzw. die Helligkeit beim Prime geregelt werden. Auch das WLAN/Bluetooth kann hier umgeschaltet, sowie der genaue Akkustand abgelesen werden.

Die Startseite selber zeigt die zuletzt gelesenen bzw. hinzugefügten Bücher. In einer Schnellstartleiste am unteren Bildschirmrand werden fünf Verknüpfungen zur Bibliothek, dem polnischen Shop, der InkBook-Cloud, der Appübersicht und dem Browser angezeigt. Leider lassen sich diese Verknüpfungen nicht ändern, wie dies bei anderen Androidgeräten möglich ist.

Sehr rudimentäre eBookbibliothek

Wie auch schon bei allen anderen eReadern, die auf einem offenen Androidsystem basieren, ist die eBookbibliothek auch auf den InkBooks sehr einfach umgesetzt. So lassen sich eBooks nur nach Titel, Autor und zuletzt geöffnetem bzw. zuletzt hinzugefügten Datum sortieren. Weitere Filtermöglichkeiten beispielsweise nach Genre, Serien oder Schlagworten gibt es gar nicht. Immerhin findet die Suchfunktion das richtige Buch, sofern Titel oder Autor bekannt sind. Auch eine Suche nach dem gewünschten Dateiformat ist möglich.

Bibliothek

Eine Navigation in der Ordnerstruktur ist nicht möglich, ebensowenig wie das Ausschließen einzelner Ordner von der Anzeige in der Bibliothek. Letzteres wäre insofern wichtig, weil die Bibliothek alle unterstützten Formate (EPUB, PDF, TXT, MOBI, FB2, HTML, RTF) anzeigt, die sich irgendwo im Speicher befinden. Unabhängig davon, ob es sich um eBooks handelt oder um Dateien der installierten Apps. Mit der Zeit wird die Bibliothek deshalb sehr unübersichtlich und ist aufgrund der fehlenden Filtermöglichkeiten nicht zu gebrauchen.

eBooks lesen

E-Books lassen sich mit der vorinstalliertem App „InkReader“ lesen, die auch Adobe-DRM-geschützte EPUBs und PDFs unterstützt. Die Einstellungen der App sind allerdings sehr rudimentär. So kann der Anwender gerade einmal zwischen zwei Schriftarten wählen. Eine der beiden ist zudem eine für Menschen mit Leseschwäche. Eigene Schriften lassen sich bisher nicht installieren.

Die Größe der Schrift lässt sich per Geste und über die Bucheinstellungen ändern. Dort gibts neben der Möglichkeit den Seitenrand und Zeilenhöhe, auch die Seitenausrichtung zu verändern. Außerdem gibts einen Nachtmodus mit dunklem Hintergrund und heller Schrift.

Markieren und Nachschlagen

Einzelne Passagen lassen sich markieren und im Internet nachschlagen. Ein Wörterbuch kann über den vorinstallierten Appstore installiert werden, allerdings scheiterte der Versuch, dies zu tun. Eine Besonderheit ist, dass sich markierter Text auch in die Zwischenablage legen lässt. So kann er in anderen Anwendungen wieder eingefügt werden.

PDF-Dokumente lesen

Das PDF-Modul der vorinstallierten Leseapp ist sehr einfach gehalten. Einzelne Seite werden nur komplett angezeigt, wedeer das Abschneiden der Seitenrändern, noch ein Hineinzoomen ist ist möglich. Immerhin lassen sich die PDFs im Reflowmodus anzeigen, der Text und Bild aus dem Dokument extrahiert und sauber formatiert so darstellt, dass die Größe der Schrift geändert werden kann. Aufgrund der schnellen Prozessoren geschieht die Umwandlung ohne Verzögerungen.

Multimedia mit Bluetooth (nur Prime)

Der Prime hat als einer der wenigen eReader eine nutzbare Bluetoothschnittstelle. Damit kann der Reader beispielsweise mit einem Bluetoothlautsprecher oder -kopfhörer verbunden werden und Musik oder Hörspiele wiedergeben. Wer beim Lesen im kühlen Schlafzimmer die Hände unter der Bettdecke halten will, kann mit einer passenden Fernbedienung umblättern (diese funktioniert sehr gut). Selbst eine Tastatur lässt sich anschließen, um den Prime als Schreibmaschine zu benutzen.

Nutzung mit alternativen Apps

Die rudimentäre Leseapp schreit förmlich nach Alternativen, die hier glücklicherweise installiert werden können. Aber auch wer eBooks von Amazon, Kobo oder aus den Tolinoshops lesen möchte, kann einfach die passende App installieren.

Praktischerweise lassen sich auf den InkBooks alle Androidapps installieren, die unter Android 4.2.2 laufen. Allerdings ist der Playstore nicht vorinstalliert, daher müssen die Apps entweder über den eingebauten Appstore oder per Sideloading installiert werden. Letzteres bedeutet nichts anderes, als die Apps beispielsweise per Raccoon auf den PC herunterzuladen und über das mitgelieferte USB-Kabel auf das Gerät zu kopieren. Von dort aus können sie dann installiert werden.

Welche alternativen Leseapps funktionieren gut?

Sobald weitere Apps zum Lesen installiert sind, fragen die Geräte beim Antippen von Startseite oder Bibliothek direkt nach, mit welcher App das eBook geöffnet werden soll.

Sehr empfehlen kann ich den Moon+ Reader, der die Blättertasten von Haus aus unterstützt und die Seite immer Vollbild angezeigt und die obere Statusleiste ausblendet. Außerdem kann er die Helligkeit der Beleuchtung per Wischgeste am linken Bildschirmrand ändern. Leider unterstützt er keine Adobe-DRM-geschützten eBooks beispielsweise aus der Onleihe.

Diese können allerdings mit der kostenlose App von PocketBook gelesen werden, in der sogar mehrere Adobe-IDs hinterlegt werden können. Auch mit der PocketBook-App lassen sich die Blättertasten nutzen, die allerdings mit der Lautstärkereglung belegt werden müssen. „Lauter“ blättert weiter und „Leiser“ zurück.

Andere Leseapps

Natürlich lassen sich auch die Apps der sonst eher geschlossenen Ökosysteme wie Amazon, Kobo oder auch der Tolinoallianz installieren. In der Regel sind diese Apps aber auf die schnellen Farbbildschirme der Smartphones und Tablets angestimmt, weswegen es beim Nutzen auf eReadern mit langsamen Graustufenbildschirmen zu Einschränkungen kommt. So sind bisweilen Menüpunkte nicht lesbar oder die Apps verwenden Blätteranimationen, die auf E-Ink-Displays ruckeln. Außer in der App von Kobo lassen sich eBooks meistens nicht per Lautstärketaste weiterblättern, was die Benutzung der seitlichen Blättertasten leider ausschließt.

Zusammenfassung

Das könnte für die InkBooks sprechen

  • Seitliche Blättertasten, die zudem konfigurierbar sind
  • Einschub für Micro-SD-Karte
  • Unterstützt eBooks aus der Onleihe
  • Lesen ist im Querformat möglich
  • Beleuchtung (nur Prime)
  • Großer interner Speicher (nur Prime)
  • Spielt Musik und Hörbücher ab (nur Prime)
  • Bluetoothunterstützung (nur Prime)
  • Verhältnismäßig einfache Installation alternativer Leseapps
  • Hohe Geschwindigkeit beim Umwandeln von PDF in Text

Das könnte gegen die InkBooks sprechen

  • Rudimentäre Bibliothek
  • Sehr eingeschränkte vorinstallierte eBook- und PDF-App

Preise und Bezugsquellen

Fazit

Mit dem InkBook Classic 2 und dem InkBook Prime bietet Arta Tech aus Polen zwei gute Reader für unterschiedliche Zielgruppen an. Während der preiswerte Classic 2 eher Einsteiger ansprechen soll, ist der Prime wohl eher für den ambitionierten Vieleser gedacht, der nicht nur eBooks liest, sondern gleichzeitig auch Musik hören möchte und auf eine eingebaute Beleuchtung nicht verzichten mag.

Vom Design her gefallen mir beide Geräte, wobei ich persönlich eReader ohne plane Front schöner finde. Die Geräte liegen gut in der Hand und die Blättertasten sind gut erreichbar. Einzig der Druckpunkt der Tasten könnte besser sein. Die Platzierung des Powerknopfes finde ich sehr gut, lässt er sich doch so ohne Verrenkungen erreichen.

Gut gefallen hat mir die insgesamt übersichtliche Benutzeroberfläche, die im Gegensatz zu anderen Androidreadern sehr aufgeräumt wirkt. Weniger gut hingegen, dass sich die Verknüpfungen zu den Apps auf der Startseite nicht ändern lassen. Die konfigurierbaren Blättertasten fand ich klasse, schade, dass sich die Hometaste nicht ebenso ändern lässt.

Schade finde ich auch, dass die Bibliothek und die Lesesoftware so rudimentär ausgeführt ist, andrerseits sind gerade diese Geräte durch die Möglichkeit weitere Apps zu installieren sehr flexibel in der Anwendung. Im Zweifel würde ich eben auf eine andere App ausweichen.

Müsste ich mich für eins der beiden Geräte entscheiden, würde ich natürlich zum Prime greifen. Einfach wegen des beleucheteten Bildschirms, der Bluetoothschnittstelle, dem schnelleren Prozessor und dem größeren internen Speicher.

Datenblatt InkBook Classic 2 | Datenblatt InkBook Prime

Alternative zu den InkBooks

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Michael SonntagMichael Sonntag beschäftigt sich mit allem, was mit dem Lesen ohne Papier als Trägermaterial zu tun hat. Also mit eBook-Readern, Tablets und dem ganzen Drumherum.
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2 Kommentare

Trackback  •  Kommentarfeed

  1. Jürgen Felger sagt:

    Hallo, lässt sich mit diesem oder einem anderen Reader auch eine normale Tastatur per USB anschließen?
    Ich möchte einen auf direkte sonnenlichteinstrahlung optimierten Bildschirm für Texteingabe nutzen.

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