Testbericht: Icarus eXceL

Normale eReader mit Bildschirmgrößen von 6″ bis 6,8″ bieten derzeit das beste Verhältnis von Displaygröße und Gewicht. Allerdings haben sie einen gravierenden Nachteil: Sie können PDFs – trotz diverser Tricks – meist nicht ideal darstellen, weil die Bildschirme einfach zu klein sind. Man muss nämlich wissen, dass PDF-Dokumente im Gegensatz zu normalen eBooks bereits eine definierte Seitengröße haben. Wenn man versucht, ein DIN-A4-Dokument auf einem kleinen 6″-Bildschirm anzuzeigen (der noch weniger Platz als DIN-A6 bietet), wird die Schrift des Dokuments so stark verkleinert, dass meist nichts mehr zu erkennen ist.

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Um dieses Problem zu umgehen, hilft hier nur reine Größe. Mit dem Inkpad von PocketBook hatte ich bereits ein Gerät mit großem 8″-Bildschirm vorgestellt, mit dem PDFs besser dargestellt werden, als auf den kleineren Geräten. Noch etwas mehr Platz bietet der eXceL von Icarus, nämlich 9,7″. In Zentimentern ausgedrückt heißt das, der Bildschirm ist 20,3 cm hoch und 14 cm breit. Das entspricht in etwa DIN-A5.

Hardware

Im Grunde handelt es sich beim eXceL um ein Androidtablet mit E-Ink-Display, WLAN- und Bluetoothschnittstelle und eingebautem Lautsprecher. Dem 1 GHz schnellen Singlecore-Prozessor stehen 512 MB Arbeitsspeicher zur Seite. Als Betriebssystem läuft Android 4.0.4.

Der interne, nutzbare Speicher beträgt 2 GB, er kann durch eine SD-Karte um bis zu 32 GB erweitert werden. Im Unterschied zu allen anderen eReadern kommt hier tatsächlich eine normal große SD-Karte zum Einsatz, wie sie auch in Digitalkameras verwendet wird. Und auch beim USB-Anschluss unterscheidet sich der eXceL von anderen Geräten. Er kommt mit Mini-USB-Buchse, die heutzutage nur noch in wenigen Neugeräten eingebaut ist. Normalerweise setzen die Hersteller auf Micro-USB-Buchsen (also eine Nummer kleiner), was insofern praktisch ist, weil ein einziges Kabel für unterschiedliche Geräte (eReader, Smartphones, Tablets, etc…) benutzt werden kann.

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Anschüsse: Lautstärketasten, Klinkenstecker, Powerknopf, Mini-USB-Buchse, SD-Karteneinschub

Auf der Rückseite befindet sich ein Lautsprecher, mit dem auf dem Gerät vorhandene Musik wiedergegeben werden kann. Alternativ können Kopfhörer über den Klinkenausgang angeschlossen werden.

Rückseite mit Lautstprecher

Rückseite mit Lautstprecher (das helle Kästchen oben)

Über die Bluetoothschnittstelle können allerdings auch passende Lautsprecher oder Tastaturen angesprochen werden.

Bildschirm

Der unbeleutete E-Ink-Bildschirm löst mit knapp 150 ppi auf und damit etwas schlechter als die Bildschirme einfacher eReader, die üblicherweise mit 167 ppi auflösen. Die geringere Auflösung kommt aber nur dann zum Tragen, wenn besonders kleiner Schrift eingestellt wird. Durch den großen Bildschirm habe ich die Schrift beim Lesen im Verhältnis immer größer eingestellt, als ich dies bei Geräten mit kleinerem Display mache.

Ghosting

Ghosting der vorherigen Optionsseite

Etwas störender als die geringe Auflösung empfand ich das doch sichtbare Ghosting, also das Stehenbleiben von Elementen bereits umgeblätterter Seiten.
Nach 7 Blättervorgängen wird der Bildschirm standardmäßig komplett aufgefrischt und dann verschwinden alle vorherigen Elemente zuverlässig. Die Refreshrate lässt sich auch einstellen bzw. ganz abschalten. Gute Erfahrungen haben ich mit drei Blättervorgängen gemacht.

Bedienung

Anfangs dachte ich, das Gerät ist defekt, weil der Bildschirm nicht auf Berührungen mit den Fingern reagierte, bis ich auf die Idee kam, es mal mit dem mitgelieferten Stift (ein sogenannter Stylus) zu probieren. Damit klappten dann alle Eingaben problemlos, allerdings ist das auf die Dauer etwas mühsam, jedenfalls solange man das Gerät nicht in der ebenfalls erhältlichen Hülle benutzt. Nur dort gibt es nämlich eine Halterung für den Stift. Ohne Hülle kann der Stift schnell verloren gehen, was insofern tragisch ist, weil es genau dieser Stift sein muss, um das Gerät zu bedienen und ein neuer beim Verlust mit rund 20 € zu Buche schlägt.

Die Touchtechnik des Displays kommt von WACOM, einem Hersteller für Grafiktablets. Dennoch handelte es sich bei der im eXceL eingesetzten Technik um eine andere, als bei den Grafiktablets, denn deren Stifte (zumindest die der Bambooreihe) funktionieren auf dem eXceL nicht.

Leider ist das Bedienkonzept nicht durchgehend auf Stiftbedienung ausgelegt, denn man braucht selbst mit Stiftbedienung immer wieder mal die Zurücktaste, um eine Navigationsebene zurück oder ganz auf die Startseite zu gelangen. Das ist dann störend, wenn man das Gerät in der linken Hand hält und es mit dem Stift in der rechten bedient.

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5-Wege-Steuerkreuz

Allerdings lässt sich das Gerät auch ohne Stift ganz gut bedienen. Rechts vom Bildschirm befindet sich ein 5-Wege-Steuerkreuz, mit dem sich ziemlich einfach über die Oberfläche navigieren lässt.  Links vom Bildschirm sitzen außerdem vier Gummitasten, mit denen das Kontextmenü der jeweiligen App geöffnet oder eine Navigationsebene zurück gesprungen werden kann. Außerdem gibts noch zwei Tasten, um im Buch auch mit der linken Hand weiter- und zurückblättern zu können. Normalerweise wird das nämlich über das Steuerkreuz gemacht bzw. durch tippen mit dem Stift auf die linke bzw. rechte Seite des Bildschirms.

Gummitasten

Gummitasten

Etwas verwirrend ist, dass die Taste fürs Kontextmenü mit einem Haus gekennzeichnet ist. Ich habe mich immer wieder ertappt, dass ich sie gedrückt habe, um zurück zur Startseite zu gelangen, denn dafür gibt es keine eigene Taste. Hierzu muss – je nach Anwendung durchaus mehrmals – die „Zurück“-Taste gedrückt werden.

Geschwindigkeit

Die Geschwindigkeit des Gerätes ist vergleichen mit den Geräten der Mitbewerber sehr hoch. Damit meine ich nicht nur das Navigieren auf der Oberfläche oder in den Apps, sondern auch beispielsweise den Kopiervorgang von vielen Büchern auf den internen Speicher. Während beispielsweise der Touch Lux 2 von PocketBook für 200 EPUB-Bücher mit insgesamt rund 150 MB Größe rund 3 min braucht, bis die eBooks aus Calibre auf dem Gerät angekommen sind, dauert der gleiche Vorgang beim eXceL nur etwas mehr als eine Minute. Ebenso schnell stehen die Inhalte der externen Speicherkarte nach dem Einschieben in den Slot zur Verfügung. Bereits nach vier Sekunden waren die Dateien ins Dateisystem eingehängt.

Bedienoberfläche

Die Oberfläche den Icarus ist sehr aufgeräumt. Die Startseite zeigt die zuletzt gelesenen und hinzugefügten Bücher. Ganz unten gibt es zudem Symbole für die Bibliothek, den Dateimanager, die installierten Apps, die Einstellungen und den Browser. Damit ist alles, was man häufig braucht, schnell erreichbar.

Startseite

Startseite des Readers

Nach dem Hinzufügen neuer Bücher zur Bibliothek stehen sie zwar schnell zur Verfügung, allerdings fehlen die Cover und andere Metadaten. Diese müssen immer manuell eingelesen werden, was dann doch – je nach Umfang – recht lange dauert. Sind sie aber erst mal im System vorhanden, dann lassen sich die Bücher nach verschiedenen Kriterien filtern (alle, neu, gelesen, ungelesen, Schlagwörter) oder sortieren (Name, Typ, Größe, Erstelldatum). Die Bücher lassen sich zudem als Liste oder als Kacheln mit großem Cover anzeigen.

eBooks lesen

Zum Lesen von eBooks sind verschiedene Apps vorinstalliert, von diesen fand ich den OReader am Besten. Er lässt sich recht umfangreich konfigurieren und speichert die Schrifteinstellungen buchübergreifend. Allerdings sind die Menüpunkte bisweilen etwas verwirrend, so lässt sich das Inhaltsverzeichnis nur im Untermenü „Notizen“ aufrufen.

Ein Wörterbuch soll enthalten sein, auf meinem Testgerät war allerdings keins vorhanden, ebensowenig wie eine Stimme, mit der eBooks vorgelesen werden können. Die Wörterbücher lassen sich über die Supportseite von Icarus nachinstallieren und die Stimme über Googles Playstore. Hier ist drauf zu achten, dass dieses Paket installiert wird und nicht das, was in den PICO-Einstellungen vorgeschlagen wird. Sollte die Installation über den Playstore selbst fehlschlagen, kann das Paket auch per Raccoon heruntergeladen und per Kabel auf das Gerät übertragen werden. Dort dann die App installieren.

Wer mit den vorinstallierten Leseapps nicht klar kommt, kann jederzeit weitere (z.B. Aldiko, den Cool Reader oder Moon Reader) über Googles Playstore nachinstallieren.

Um alternative Leseapps als Standard festzulegen, reicht es aus, sie über das Kontextmenü eines eBooks und per „Öffnen mit“ auszuwählen. Und nicht vergessen, den Haken bei „Set als Standard-App“ zu setzen!

PDFs lesen und vollkritzeln

Aufgrund des großen Bildschirms eignet sich der eXceL hervorragend zum Lesen von PDF-Dokumenten, wie ich ja weiter oben schon geschrieben habe. Ähnlich, wie sein kleinerer Bruder, der Illumina, öffnet auch der eXceL PDF-Dateien sehr schnell. Durch den Stift lassen sich Anmerkungen ins PDF schreiben und malen. Diese können zusammen mit dem PDF auch exportiert werden. Dazu wird im gleichen Ordner, in dem sich das Ursprungs-PDF befindet, ein neuer Ordner mit dem vollgeschriebenen PDF angelegt. So bleibt das Original erhalten und die Änderungen lassen sich auch außerhalb des Gerätes mit einem PDF-Betrachter anschauen.

Notizen im Dokument

Notizen im Dokument

Die PDF-App auf dem eXceL erlaubt nicht nur das automatische oder manuelle Beschneiden der Ränder, das sich besonders bei PDFs mit vielen Bildern im Text lohnt. Es erlaubt auch eine Kontrasterhöhung der Schrift, damit gerade dünne Schriften besser gelesen werden können.

Schrifteinstellungen im PDF

Schrifteinstellungen im PDF

Einfacher gestaltete PDFs lassen sich per Reflowfunktion auch in normalen, formatierten Text umwandeln. Auch hier gibt es vielfältige Möglichkeiten, um zum besten Ergebnis zu kommen. In der Regel bringt die Standardeinstellung schon sehr brauchbare Ergebnisse. Allerdings lässt sich auch auf diesem Gerät die umgewandelte Schrift nicht in eine andere, möglicherweise besser lesbare, ändern.

Zusammenfassung

Das könnte für den Icarus eXceL sprechen

  • sehr großer Bildschirm
  • sehr gute PDF-Darstellung
  • blendfreies Ablesen auch in der Sonne (wie jeder eReader)
  • Erweiterbarkeit durch normale Androidapps
  • Anschlussmöglichkeit für externe Bluetoothtastatur
  • Sehr schnelles Gerät
  • Bluetooth
  • WLAN
  • Weiterblättern per Tasten
  • Durch Änderung der Ausrichtung auch für Linkshänder geeignet

Das könnte gegen den Icarus eXceL sprechen

  • umständliche Touch-Bedienung per Stift
  • nicht mehr ganz aktuelle Displaytechnolgie
  • Mini-USB-Anschluss
  • hoher Preis

Preise & Verfügbarkeit

Fazit

Ich werde immer mal wieder (besonders von Studenten) gefragt, welcher eReader sich am Besten zum Lesen von PDFs eignet. Nun, hier ist er! Durch das große Display und die verschiedenen Möglichkeiten, z.B. um Schrift kontrastreicher darzustellen, lassen sich die meisten PDFs ohne Änderungen gut lesen. Wer sich zudem im PDF Notizen machen möchte, kommt hier auf seine Kosten, eben auch weil sich die bekritzelten PDFs so einfach exportieren lassen. Obwohl das Display auflösungstechnisch eher am unteren Ende der Skala rangiert, lassen sich PDFs und eBooks gut ablesen.

Die Touchbedienung ist durch den Stift etwas umständlich, vorallem auch weil der Stift ohne Hülle immer irgendwo herumkullert. Dennoch gibt es bei der Stiftbedienung keinerlei Aussetzer. Nervig ist nur, dass man auch bei der Stiftbedienung die Tasten nutzen muss, um bspw. aus dem PDF-Programm zurück zur Startseite zu gelangen. Hier ist die Bedienung leider nicht einheitlich gelöst.

Beim Preis bin ich sehr zwiegespalten. 320 € für ein Gerät mit eher älterer Displaytechnik und umständlicher Stiftbedienung sind schon ein ganz schöner Brocken, zumal in etwa gleich große Tablets mittlerweile für weniger zu haben sind. Andrerseits hat der eXceL die längere Akkulaufzeit und das bessere Display bezogen auf die Ablesbarkeit (normal und in der Sonne). Die Frage, ob der eXceL für das Gebotene einen angemessenen Preis bietet, wird sich jeder selbst beantworten müssen.


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Michael SonntagMichael Sonntag beschäftigt sich mit allem, was mit dem Lesen ohne Papier als Trägermaterial zu tun hat. Also mit eBook-Readern, Tablets und dem ganzen Drumherum.
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